Agentonomics · Arbeitspapier 001-AGE
Agentonomics auf der Grundlage des St. Galler Konzepts: Konzeptionelle Vorarbeiten
38 Thesen zur Gestaltung hybrider Managementsysteme auf der Grundlage des St. Galler Konzepts Integriertes Management
· Aktualisiert:
Einleitung: Worum es in diesem Thesenpapier geht
Künstliche Intelligenz erweitert die Möglichkeiten des Managements grundlegend: Intelligente Agenten können Wissen erschliessen, Entwicklungen beobachten, Zusammenhänge analysieren, Handlungsoptionen entwickeln, Entscheidungen vorbereiten und deren Umsetzung begleiten. In Zukunft vielleicht sogar eigene Geschäfte betreiben. Ihre Einführung führt jedoch wohl nicht automatisch zu besserem Management. Werden einzelne KI-Anwendungen lediglich in bestehende Strukturen und Prozesse eingefügt, entstehen zwar neue Instrumente, aber noch lange kein leistungsfähiges hybrides Managementsystem.
Die Initiative zu Agentonomics, die Verwendung und Prägung des diesbezüglichen Begriffs gehen auf Alois C. Knoll, Professor an der Technischen Universität München und Inhaber des Lehrstuhls für Robotik, Künstliche Intelligenz und Echtzeitsysteme, sowie auf Dr. Hanns C. Suckfüll zurück. Sie traten mit der Idee eines Agentonomics-Konzepts an Prof. assoc. Dr. oec. Christian Abegglen, Schriftleiter des St. Galler Standardwerks »Das Konzept Integriertes Management« und Präsident der »St. Galler Gesellschaft Integriertes Management« (gimsg.ch), heran und gaben damit den Anstoss, die wirtschaftlichen, organisationalen, informatikspezifischen und managementwissenschaftlichen Konsequenzen intelligenter Agentensysteme systematisch zu untersuchen.
Das vorliegende Thesenpapier entstand im Juli 2026 als konzeptionelle Vorbereitung dieses Forschungs- und Gestaltungsansatzes. Es gehört damit zu den frühen Grundlagenarbeiten der Agentonomics-Initiative (agentonomics.de).
Agentonomics verbindet die informatikspezifische Perspektive auf intelligente Agenten und Multi-Agenten-Systeme mit der Frage, wie Management gestaltet, strukturiert und weiterentwickelt werden sollte, wenn Menschen und intelligente Agenten zusammen Managementleistungen erbringen. Der Ansatz setzt deshalb nicht bei der Technologie allein an. Im Mittelpunkt stehen die Managementarchitektur, die gemeinsame Wissens- und Entscheidungsgrundlage, zudem die Zuordnung von Aufgaben, Rollen, Mandaten und Verfügungsrechten sowie die institutionelle Ordnung von Verantwortung, Kontrolle und Lernen.
Das Thesenpapier untersucht, welche Elemente des St. Galler Konzepts Integriertes Management für Agentonomics besonders wichtig sind und wie sie in eine explizite, technisch umsetzbare Architektur hybrider Managementsysteme übersetzt werden könnten. Dazu gehören natürlich vor allem die systemorientierte Betrachtung eines Unternehmens im Drei-System-Modell aus Aussensystem, Business-System und Management-System, die Verbindung normativer, strategischer und operativer Führung, die sog. Bleicher-Matrix, die horizontale und vertikale Integration, der St. Galler Denk- und Wissensnavigator und seine Weiterentwicklung zum 5C-Navigator sowie das St. Galler Management-HAUS als praktischer und ganz konkreter Ordnungsrahmen.
Das sog. »St. Galler Konzept Integriertes Management«, dessen Grundlagenwerk der Autor seit vielen Jahren auf ausdrücklichen Wunsch von Knut Bleicher sel. als Schriftleiter betreut, wird dabei als Bezugsrahmen für Agentonomics gewählt. Warum? Weil dieses Konzept die gestaltbaren Elemente des Management-Systems in ihren Zusammenhängen sichtbar macht.
Die Bleicher-Matrix und ihre Veranschaulichung im St. Galler Management-HAUS verbinden die zunächst abstrakt wirkenden normativen, strategischen und operativen Managementaufgaben mit den Gestaltungsdimensionen Strukturen, Aktivitäten und Verhalten. Aus dieser Verbindung entstehen neun Managementfelder. Diese lassen sich rekursiv herunterbrechen und Schritt für Schritt weiter konkretisieren. So kann jedes Unternehmen den gemeinsamen Ordnungsrahmen mit eigenen Inhalten füllen und auf seine individuellen Belange ausrichten.
Damit bietet eben dieses Konzept einen hervorragenden gemeinsamen Ordnungsrahmen, um die konkreten Managementaufgaben eines Unternehmens zu bestimmen und ihre Bearbeitung durch Menschen und Management-Agenten zu gestalten. Nach Erfahrung des Autors kommt diese Aufgabe in der Praxis häufig zu kurz. Gerade Führungskräfte mit wenig Managementerfahrung konzentrieren sich gerne auf das Business-System, insbesondere auf die Suche nach einem grossartigen Produkt. Die Frage, wie das Unternehmen organisiert und geführt werden soll, gerät dabei leicht in den Hintergrund.
Gerade diese Verbindung von ganzheitlicher Ordnung, rekursiver Vertiefung und unternehmensspezifischer Gestaltbarkeit war ausschlaggebend dafür, innerhalb der St. Galler Managementtradition auf dieses Konzept als Bezugsrahmen für Agentonomics zu setzen.
Das Papier richtet sich sowohl an Fachpersonen aus Managementwissenschaft, Unternehmenspraxis als auch der Informatik und Technik. Es soll Führungskräfte, Unternehmerinnen und Unternehmer, Consultants und Lehrende ebenso ansprechen wie Informatiker, KI-Forscher, Softwarearchitekten, Systementwickler und weitere technische Spezialisten, die Managementwissen in intelligente Agenten und Management-Agentensysteme überführen möchten.
Für einen erfahrenen Managementpraktiker bietet das Thesenpapier einen Ordnungsrahmen, mit dem er Zweck, Managementaufgaben, Rollen, Entscheidungsrechte, Qualitätsmassstäbe, Verantwortung und zulässige Autonomie eines hybriden Managementsystems bestimmen kann.
Für Informatiker und technische Spezialisten beschreibt es die Managementlogik, die bei der Konzeption und Implementierung agentischer Systeme berücksichtigt werden muss. Dazu gehören natürlich gemeinsame Begriffe und Wissensstrukturen, nachvollziehbare Bearbeitungs- und Entscheidungsprozesse, Rollen- und Berechtigungsmodelle, Kontroll- und Eskalationsmechanismen sowie Rückkopplungs- und Lernschleifen. Jede These schliesst mit einem »Fazit für Agentonomics«, das die Konsequenz für die Gestaltung hybrider Managementsysteme in wenigen Sätzen festhält – wer das Papier zunächst überfliegen will, kann sich an diesen Fazits orientieren.
Das Thesenpapier versteht sich damit auch als eine Art Verständigungsgrundlage zwischen Management und Technik: Managementwissen kann bekanntlich nicht unverändert in Software übertragen werden. Es muss expliziert, d.h. dargelegt, strukturiert, formalisiert und in überprüfbare Systemanforderungen übersetzt werden. Umgekehrt müssen die technischen Möglichkeiten und Grenzen intelligenter Agentensysteme so beschrieben und erklärt werden, dass das Management deren Einsatz passend gestalten und auch verantworten kann.
Agentonomics macht Führungskräfte natürlich nicht zu Programmiererinnen und Programmierern und technische Spezialisten nicht zu Personen unternehmerischer Verantwortung. Das Management verantwortet Zweck, Managementlogik, Entscheidungsordnung und gewählte Grenzen des Systems. Die Informatik entwickelt und validiert die dafür nötigen Wissensmodelle, Agentenarchitekturen, Datenzugriffe, Schnittstellen, Sicherheitsmechanismen und technischen Kontrollverfahren. Erst aus einer solchen komplementären Zusammenarbeit kann eine leistungsfähige und verantwortbare Agentonomics-Architektur entstehen.
In das Thesenpapier sind Erfahrungen des Autors und seiner Kollegen aus der langjährigen Anwendung des St. Galler Konzepts Integriertes Management eingeflossen: aus der Unternehmensberatung und der Begleitung konkreter Entwicklungsprozesse, aus der Lehre und der Arbeit mit Führungskräften und Studierenden sowie aus Diskussionen in Seminaren, Workshops und Managementveranstaltungen. Die in den Thesen eingeflochtenen Beispiele stammen aus dieser Praxis; sie sind anonymisiert und, wo mehrere Fälle dasselbe Muster zeigen, zu typischen Situationen verdichtet. Die Thesen verbinden diese konkreten Erfahrungen mit etablierten Grundlagen der St. Galler Managementtradition und übertragen sie auf die Gestaltung hybrider Managementsysteme.
Aus der Einleitung, gedruckte Seiten 4–6. Fussnoten siehe Volltext.
Themen
- Agentonomics
- hybride Managementsysteme
- St. Galler Konzept Integriertes Management
- Bleicher-Matrix
- 5C-Navigator
- St. Galler Management-HAUS
Diese Publikation zitieren
Abegglen, Christian (2026). Agentonomics auf der Grundlage des St. Galler Konzepts: Konzeptionelle Vorarbeiten: 38 Thesen zur Gestaltung hybrider Managementsysteme auf der Grundlage des St. Galler Konzepts Integriertes Management. Arbeitspapier 001-AGE. St. Galler Gesellschaft Integriertes Management (GIMSG). Aktualisiert: 10. September 2026. https://gimsg.ch/publikationen/agentonomics-konzeptionelle-vorarbeiten
Zitationsdaten für Literaturverwaltungen wie Zotero, Citavi und EndNote.