Vom klösterlichen Skriptorium zum heutigen Management ValleySt. Gallen

St. Gallen steht für eine lange Tradition des Bewahrens, Ordnens und Weitergebens von Wissen. Vom klösterlichen Skriptorium über die Handelsausbildung bis zur Managementlehre verbindet sich damit eine Frage: Wie wird aus Wissen Orientierung – und aus Orientierung verantwortliches Handeln?

Wissen bewahren, verbinden und weitergeben

Stiftsbibliothek mit iPad: More than 1400 years – experience in knowledge management; Neun-Felder-Konzept von Bleicher auf dem Bildschirm
Die Stiftsbibliothek von innen und auf dem iPad die sogenannte 9-Felder-Bleicher-Matrix von Knut Bleicher in aktualisierter Form – symbolische, KI-bearbeitete Darstellung von St. Gallen als Wissens-Hub. Bild in voller Grösse öffnen
Bildschirmtext und neun Felder lesen

More than 1400 years
experience in knowledge management

Das Neun-Felder-Konzept nach Bleicher, spaltenweise von oben nach unten:

  • Structures: Corporate Constitution; Organization; Processes.
  • Activities: Corporate Policy – Missions; Strategic Directions; Tasks.
  • Behaviour: Corporate Culture; Leadership Style; Actions.

Die Geschichte beginnt mit der Niederlassung des Gallus im Jahr 612. Aus der klösterlichen Gemeinschaft entwickelte sich ein bedeutender Ort europäischer Schriftkultur. Ein eigenes Skriptorium ist seit der Mitte des 8. Jahrhunderts belegt. Handschriften wurden kopiert, geordnet und für Gottesdienst, Schule und Verwaltung genutzt. Die Stiftsbibliothek bewahrt dieses kulturelle Gedächtnis bis heute.

Die überlieferte Begegnung von Gallus mit dem Bären gehört zur Gründungslegende. Als Bild erinnert sie an das Zusammenspiel von Wissen, praktischer Arbeit und gemeinschaftlichem Leben. Die heutige Managementlehre entstand viele Jahrhunderte später; sie steht vor einer verwandten Aufgabe: Erkenntnisse so zugänglich zu machen, dass Menschen gemeinsam wirksam handeln können.

Symbolische Darstellung der Gallus-Legende: Gallus begegnet einem Bären

Gallus und der Bär – symbolische, KI-bearbeitete Darstellung der Gründungslegende.

Vom Wissensort zum Management Valley

Originalmotiv aus dem Foliensatz: Stadtansicht von St. Gallen mit eingezeichneten Netzwerkverbindungen

Mit der Gründung der Handelsakademie 1898 erhielt St. Gallen eine neue Ausbildungsstätte für die Anforderungen einer international verflochtenen Wirtschaft. Universität, Forschung, Weiterbildung und unternehmerische Praxis prägen heute einen vielfältigen Wissens- und Erfahrungsaustausch. «Management Valley St. Gallen» beschreibt diesen Raum des Lernens und der Zusammenarbeit.

Im Mittelpunkt steht die Fähigkeit, Wissen über Fach- und Organisationsgrenzen hinweg zu verbinden. Digitalisierung und künstliche Intelligenz erweitern die Möglichkeiten, Informationen zu erschliessen und Aufgaben zu koordinieren. Urteilsfähigkeit, Verantwortung und das Verständnis der Zusammenhänge bleiben dabei entscheidend.

Anpassungsfähigkeit als Stärke des St. Galler Ansatzes

Abbildung aus der GIMSG-PublikationAbbildung aus der GIMSG-Publikation

Hans Ulrich

Fast 30 Jahre brauchte es dann nach den Weltkriegszäsuren, bis sich angesichts erneuten Wirtschaftswachstums am Horizont wiederum Anleitungs- und Steuerungsnotwendigkeiten für das Management abzeichneten: Was dann 1972 mit einer Schrift von Hans Ulrich und Walter Krieg mit dem Titel “Das St. Galler Management-Modell” begonnen hatte, hat sich bislang – allen Moden und Hypes zum Trotz – als höchst anpassungsfähig, wandelbar und überlebenstüchtig erwiesen. Damals ging es darum, “dem Manager ein Konzept als Leitplanke für seine Überlegungen an die Hand zu geben, um wesentliche Probleme des Managements strukturiert durchdenken und zu einem integrativen Gesamtkonzept zusammenfügen zu können”. Diese Einordnung stammt von Knut Bleicher, der als Professor an der heutigen Universität St. Gallen Hans Ulrichs Arbeit weiterführte und dessen Management-Modell zusammen mit Kollegen zum „Konzept Integriertes Management“ weiterentwickelte.

In seinem Werk hielt Knut Bleicher fest, dass die vorgenannten beiden Autoren von 1972 ihre Aufgabe erfüllen wollten, “ohne präskriptive Lösungen vorzuzeichnen”, und sie seien ihrem Auftrag gerecht geworden, “ein Leerstellengerüst für Sinnvolles” bereitzustellen. Dieses Gerüst war offenbar flexibel genug, um immer neue Elemente aufzunehmen, und der Erweiterungsprozess war massgeblich durch Bleicher, aber auch Gomez, Pümpin, Malik, Probst, Schwaninger und einige weitere Wissenschaftler geprägt. Für Bleicher trat Ende der neunziger Jahre dann nach der Emeritierung und der Uebernahme der Wissenschaftlichen Leitung der ausschliesslich auf erfahrene Führungskräfte ausgerichteten SGBS St. Galler Business School das Anliegen in den Vordergrund, “Strategien und Folgen eines paradigmatischen Wechsels zu neuen Formen intelligenter Wissensunternehmungen in virtuellen Netzwerken darzustellen, die nicht nur einen fundamentalen Wandel des Unternehmungskonzepts, sondern auch ein lernendes Anpassungsverhalten verlangen”. Damit war er seiner Zeit weit voraus und prägte in diesem Sinne die Evolution des Modells „Konzept Integriertes Management“ auf seinem Weg. Die 10., vollständig aktualisierte und erweiterte Auflage erschien 2021 unter der Schriftleitung von Christian Abegglen.

Weitere Entwicklungen des St. Galler Management-Modells, insbesondere durch Johannes Rüegg-Stürm und seine Kollegen, verbinden die Betrachtung von Managementaufgaben mit den kulturellen, kommunikativen und organisatorischen Voraussetzungen wirksamer Führung. Sie eröffnen ergänzende Perspektiven auf Organisation, Umwelt und Wertschöpfung. Weiterführende Informationen: St. Galler Management-Modell.

Das Konzept

In den verschiedenen Auflagen seines Werkes wies Bleicher dann wiederholt darauf hin, dass im Hinblick auf die dienstleistungsorientierte Wissensgesellschaft in der Wirtschaftspraxis nach dem Platzen der E-Business-Blase einige Irritationen entstanden seien. Es seien “wenig durchdachte Geschäftssysteme und das an die Erfassung der “weichen” Faktoren unangepasste Rechnungswesen” gewesen, die zu bemängeln seien, genauso wie auch in der Finanzkrise 2008, als sich eigentlich unübersehbare Ungleichgewichte nicht adäquat in den Systemen abbildeten.

«In der Wirtschaftspraxis sind nach dem Platzen der E-Business-Blase einige Irritationen entstanden.»

Knut Bleicher

Ähnlich stellt sich die Situation aktuell auch in vielen Unternehmungen, auf betriebswirtschaftlicher Ebene dar. Angesichts der rasch vonstatten gehenden Digitalisierung der Wirtschaft und ihrer Geschäftsmodelle liegen die entscheidenden von einer Führungskraft zu beeinflussenden Stellgrössen plötzlich teilweise und zunehmend ausserhalb des eigenen Unternehmens und damit nicht mehr im eigentlichen Einflussbereich. Dadurch werden Wertschöpfung und Führung hochkomplex und das Verstehen der diesbezüglichen Vorgänge und Entwicklungen, welches dann ggf. ein radikales Neukonfigurieren des eigenen Unternehmens und Führungsverhaltens nötig macht, wird zur unternehmerischen und persönlichen Ueberlebensausrüstung. Klar ist dabei, dass ein hierarchisch, tayloristisch organisiertes System nicht in der Lage sein kann, die komplexen Interdependenzen tauglich abzubilden. Fehlentscheidungen, Entscheidungsunfähigkeit und die Wirkungslosigkeit von Führung stehen damit in Rede.

Auch hier zeigt sich einmal mehr die Robustheit und Zukunftstauglichkeit des Konzeptes. Denn dank der frühen Erkenntnis, dass Unternehmen als intelligente Systeme in einem virtuellen Netzwerk zu agieren haben, stellt das „Integrierte Konzept” auch heute nach wie vor die zentrale Säule des St. Galler Managementverständnisses dar und gilt als ein Standard der modernen Management-Lehre im deutschen Sprachraum. Zu Recht, weist es doch nach wie vor den Weg zur erfolgreichen Führung – zur Führung in Hochleistungsnetzwerken, zur Führung über Gemeinsamkeiten in Sinn, Vision und Werten. Bewusst wird mit diesem Konzept im Übrigen auch ein deutlicher Gegenpol zum speziell im anglo-amerikanischen Raum häufig zu beobachtenden eher eindimensionalen Management-Denken gesetzt.

Das Konzept wurde in den letzten Jahren – in der Folge von New Economy, Finanzkrise und Corona in der Praxis immer von neuem auf den Prüfstand gestellt, angepasst und mit umsetzungstauglichen Konkretisierungen versehen. Das “Integrierte Konzept” bietet deshalb heute – genauso wie vor über 30 Jahren – eine geeignete Referenzarchitektur zur Darstellung und Lösung unternehmerischer Fragestellungen und kann zu Recht als höchst anpassungsfähig bezeichnet werden.

Zur Geschichte der St. Galler Wissenstradition: Stiftsbibliothek St. Gallen.

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