Reflexion 2026 zum damaligen Geleitwort aus dem Jahr 2005

"Die Buchreihe ist kein Ratgeber für Erste Hilfe in dringenden Fällen, sondern ein Wissensfundus für nachhaltiges, ganzheitliches Wirken, ein Angebot zur »éducation permanente« in integriertem Management, das in normalen Zeiten sicher und bei Turbulenzen dank Vorbereitung erst recht optimales Handeln ermöglicht. Als Gestaltungs- und Denkrahmen soll es Führungskräften ermöglichen, dank besserer Kenntnis der Gesamtzusammenhänge und dem Wissen um ganzheitliche Unternehmenssteuerung, relevante Probleme rechtzeitig zu antizipieren und adäquate, nachhaltige Lösungen zu finden."
Christian Abegglen, Herausgeber
Mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Beginn der Buchreihe «Meilensteine eines Integrierten Managements» lese ich dieses damalige Geleitwort mit einem doppelten Blick: als Dokument seiner Zeit und als Beschreibung von Entwicklungen, die unsere Gegenwart prägen.
Vieles, was damals als beginnende Zuspitzung erkennbar war, gehört 2026 zur alltäglichen Führungsrealität. Die Globalisierung ist nicht verschwunden, aber sie ist brüchiger und konfliktreicher geworden. Geopolitische Spannungen, neue wirtschaftliche Machtzentren, der Wettbewerb um Energie, Rohstoffe, Daten und technologische Souveränität sowie zunehmend fragmentierte Märkte stellen Unternehmen vor Entscheidungen, die sich nicht mehr allein aus betriebswirtschaftlichen Kennzahlen ableiten lassen. Die Corona-Pandemie hat zudem sichtbar gemacht, wie verletzlich eng vernetzte Systeme sind und wie rasch lokale Ereignisse weltweite Folgen entwickeln können.
Gleichzeitig hat der technologische Wandel eine Dimension erreicht, die vor zwanzig Jahren erst in Ansätzen erkennbar war. Digitalisierung, künstliche Intelligenz und zunehmend auch intelligente Agentensysteme verändern nicht nur einzelne Prozesse. Sie greifen in die Architektur von Unternehmen ein: in Aufgaben und Entscheidungswege, in Rollen und Verantwortlichkeiten, in Wertschöpfung und Geschäftsmodelle sowie in die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Technologie. Damit werden technische Fragen immer auch zu Fragen der Führung, der Organisation und der Verantwortung.
Das damalige Geleitwort war keine Prognose einzelner Ereignisse. Seine bleibende Aussage liegt vielmehr in der Beschreibung eines Grundmusters: Unternehmungen sind offene, mit ihrer Umwelt vielfältig verflochtene Systeme. Verändert sich ihr Umfeld, müssen sie ihre innere Ordnung weiterentwickeln. Diese Anpassung kann jedoch nicht durch isolierte Einzelmassnahmen gelingen. Sie verlangt ein abgestimmtes Zusammenwirken von normativer Orientierung, strategischer Ausrichtung und operativer Umsetzung.
Gerade darin zeigt sich die fortdauernde Bedeutung des Integrierten Managements. Es reicht nicht, eine neue Strategie zu formulieren, wenn Strukturen, Prozesse und Verhalten unverändert bleiben. Ebenso wenig genügt es, neue Technologien einzuführen, wenn Verantwortlichkeiten ungeklärt sind, die Unternehmenskultur nicht mitträgt oder der Beitrag zur langfristigen Zukunftsfähigkeit offenbleibt. Führung bedeutet deshalb, die Zusammenhänge zu erkennen und immer wieder neu Kohärenz zwischen den unterschiedlichen Teilen des Unternehmens herzustellen.
Auch eine zweite Beobachtung des damaligen Textes hat sich bestätigt: Unter Druck wächst die Versuchung, komplexe Probleme mit einfachen Antworten zu behandeln. Moden, vermeintliche Erfolgsrezepte, kurzfristige Kennzahlen und technologische Einzelprojekte versprechen schnelle Orientierung. Sie können durchaus nützliche Elemente enthalten. Problematisch werden sie dort, wo sie den Blick auf Wechselwirkungen, Nebenfolgen und zeitliche Entwicklungen verstellen. Die gegenwärtige Begeisterung für künstliche Intelligenz darf deshalb nicht zu einer neuen Form der technikgetriebenen Aktionitis führen. Entscheidend ist nicht, wie viele neue Werkzeuge eingesetzt werden, sondern welche Managementleistungen sie erbringen sollen, nach welchen Regeln sie handeln und wo die menschliche Verantwortung verbleibt.
Mit der 10. Auflage von «Das Konzept Integriertes Management» im Jahr 2021 wurde der Denk- und Gestaltungsrahmen erneut weiterentwickelt. Die heutigen Arbeiten zu Digital Leadership und Agentonomics setzen diese Entwicklung fort. Sie übertragen die Grundfragen des Integrierten Managements auf hybride Managementsysteme, in denen Menschen und intelligente Agenten gemeinsam Leistungen erbringen. Darin liegt kein Bruch mit den bisherigen Grundlagen, sondern ihre konsequente Weiterführung unter veränderten Bedingungen.
Die sechs Bände der «Meilensteine» behalten vor diesem Hintergrund ihren Wert. Ihre Bedeutung liegt nicht darin, fertige Antworten auf jede gegenwärtige Herausforderung zu geben. Sie machen vielmehr sichtbar, wie sich zentrale Fragen der Unternehmensführung entwickelt haben, welche wiederkehrenden Muster erkennbar sind und weshalb viele vermeintlich neue Probleme ältere Wurzeln besitzen. Wer diese Zusammenhänge versteht, ist besser in der Lage, aktuelle Entwicklungen einzuordnen und vorschnelle Lösungen zu vermeiden.
Beim Rückblick bleibt für mich vor allem die Zusammenarbeit mit Knut Bleicher prägend. Sein wissenschaftliches Werk verband konzeptionelle Tiefe mit einem ausgeprägten Verständnis für die unternehmerische Wirklichkeit. Die gemeinsame Sichtung und Ordnung seiner Schriften zeigte, wie konsequent er Fragen der Lebensfähigkeit, der Komplexitätsbewältigung und der verantwortungsvollen Unternehmensentwicklung über Jahrzehnte hinweg verfolgt hatte. Die Buchreihe sollte dieses Wissen zugänglich halten und zur Anwendung in der Praxis ermutigen. Dieser Anspruch gilt unverändert.
Aus der Perspektive des Jahres 2026 lautet die entscheidende Frage daher nicht, ob das damalige Geleitwort die Zukunft richtig vorhergesehen hat. Entscheidend ist, ob wir aus den erkennbaren Mustern gelernt haben. Die Antwort fällt gemischt aus. Wissen über vernetztes, ganzheitliches und langfristig ausgerichtetes Management ist vorhanden. Seine konsequente Anwendung bleibt jedoch anspruchsvoll.
Die eingangs zitierte Aussage gilt deshalb weiterhin: Vorbereitung auf Turbulenzen beginnt nicht erst in der Krise. Sie entsteht in den vermeintlich normalen Zeiten – durch Orientierung, vorausschauendes Denken, ein Verständnis der Gesamtzusammenhänge und die Bereitschaft, das eigene Unternehmen immer wieder neu zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.